Die Krux mit den Gleitobjekten und die der Schriftwahl

Kürzlich hatte ich das Vergnügen, für einen Freund ein größeres Dokument mit LaTeX zu setzen. Dabei sind mir ein paar Dinge aufgefallen, die mir als langjährigem LaTeX-Anwender inzwischen in Fleisch und Blut übergegangen sind, die einem Anwender einer Textverarbeitung wie Word oder LibreOffice aber offensichtlich nicht so klar sind: das Thema Abbildungen und Tabellen.

Foto: birgitH/pixelio.de
Foto: birgitH/pixelio.de

In vielen Dokumenten sind Abbildungen und Tabellen Objekte, die mit nummerierten Beschriftungen versehen sind und die oft auch in einem entsprechenden Abbildungs- oder Tabellenverzeichnis aufgelistet werden. Für mich ist klar, dass solchermaßen beschriftete Objekte nicht an einer exakten Position im Text, etwa zwischen zwei bestimmten Absätzen, auftauchen müssen. Es ist üblich, auf solche Objekte im Text zu verweisen. Das macht man nicht einfach so. Beschriftung und Querverweis im Text haben zur Folge, dass man die Position des Objekts flexibel gestalten kann. Die entsprechend verwiesene Abbildung oder Tabelle (z.B. »siehe Abbildung 1« oder sogar »siehe Abbildung 1 auf Seite 3«) kann an einer Position gesetzt werden, die den Seitenumbruch des Dokuments verbessert. Sitzt das Objekt an einer bestimmten Stelle, erlegt man dem Dokument Beschränkungen auf. Auf der entsprechenden Seite ist dann vor und nach dem Objekt nur noch ein begrenzter Platz vorhanden. In Kombination mit dem Raum, der um ein solches Objekt leer bleiben soll, und entsprechenden Leerräumen um Überschriften und ähnliches kann es zur Folge haben, dass riesige Lücken im Text entstehen.

Nicht zufällig findet man in vielen Büchern, dass solche Objekte zu Beginn oder am Ende einer Seite platziert werden. LaTeX macht das automatisch, die Objekte gleiten an die richtigen Stellen – darum auch der Begriff Gleitobjekte. Die oben genannten Textverarbeitungsprogramme machen das nicht. Das Gleiten ist ein Punkt, der Leute, die mit LaTeX nicht vertraut sind, mindestens irritiert, oft sogar verärgert. Eine der häufigsten LaTeX-Anfängerfragen bezieht sich darauf, wie man dieses Gleiten verhindern kann, was in meinen Augen auf ein fundamentales Missverständnis solcher Objekte hinweist. Tatsächlich ist es lächerlich einfach, die Objekte nicht gleiten zu lassen. Oft geschieht das dann aber auf Kosten der Gesamterscheinung des Dokuments.

Ich habe gehört, dass man solche Objekte (wie übrigens auch Fußnoten) Konsultationsobjekte nennt: es bleibt (mit voller Absicht) dem Leser oder der Leserin überlassen, ob und wann er oder sie das entsprechende Objekt ansieht oder durchliest. Der Querverweis sagt ihm oder ihr ja, dass es da ist. Man kann dann ganz in Ruhe den aktuellen Absatz zu Ende lesen und dann das betreffende Objekt konsultieren. Auch mehrjährige LaTeX-Anwender und -Anwenderinnen haben oft noch Schwierigkeiten mit dem Konzept (und mit dem Mechanismus, den LaTeX verwendet, um die Objekte zu platzieren).


Auf einen völlig anderen Punkt stoße ich auch immer wieder: die Schriftwahl. Viel zu oft werden die Schriften Times New Roman und Arial verwendet (ganz zu schweigen von der unsäglichen Comic Sans). Times New Roman ist eine Schrift, die für eine Zeitung entwickelt wurde (schon mal über das Times im Namen nachgedacht?). (Das heißt, eigentlich ist sie ein Klon, der für Microsoft entwickelt wurde, wenn ich richtig informiert bin.) Dementsprechend schmal sind ihre Buchstaben, so dass sie recht eng gesetzt werden kann, was für schmale Zeitungsspalten ja auch sehr von Vorteil ist. In einem DIN A4 großen Dokument führt das aber in aller Regel zu sehr langen Zeilen, die weit mehr als die üblicherweise 60 bis 70 Zeichen enthalten. Das erschwert das Lesen insofern, als es leichter wird, beim Lesen die Zeile zu verlieren. Es gibt eine ganze Reihe hervorragender Alternativen, die man verwenden kann. Da muss man noch nicht mal einen proprietären Font kaufen.

Noch seltsamer ist die Wahl von Arial als Brotschrift. Ralf Turtschi beschreibt die Schrift – ebenfalls ein Klon für Microsoft – in Arial: ein Nekrolog (Design & Praxis. 38, Publisher 2, 2005) so:

Die Arial wirkt als Textschrift viel zu fett. Eine unausgeglichene Laufweite, also die Proportionen und der Abstand zwischen den Zeichen, gibt der Arial einen miserablen Grauwert. Das Verhältnis von schwarzen Linien und weissen Flächen lässt sie plump und charakterlos auf dem Papier kleben. Besonders hässlich sind die angeschrägten Endstriche bei a, e, s und t. Die Proportionen und die Form des t sind eine Zumutung und das a sieht wie nach einem Hagelschlag verformt aus. Die Arial ist weder als Textschrift noch als Headlineschrift zu empfehlen, da fehlt einiges an Klasse.
[…]
Auch mit bestem Willen bleibe ich dabei. Die Arial ist lieblos, unausgeglichen und verbeult, sie hat mir noch nie Freude bereitet. Microsoft gab ihren Kunden […] wirklich keinen Anlass zum Jubeln.

Dem ist nichts mehr hinzuzufügen. Überhaupt sollte man sich die Wahl einer serifenlosen Schrift als Brotschrift sehr gut überlegen. Eine gute Wahl sind sie oft für Webseiten oder Präsentationen. Für gedruckte Dokumente gibt es wenig Argumente für eine solche Wahl (Wikipedia):

Bis heute sind Serifentypen die Grundform im Druckwesen. Ihre Vorteile spielen die Grotesk-Schriftarten erst in der Webtypographie aus, wo die Serifen die Lesbarkeit kaum erhöhen, und insbesondere bei kleinen Schriftgrößen verringern. Grotesk-Schriften weisen einfach geformte, auf Bildschirmen gut darstellbare Glyphen auf und sind daher heute die Vorgabeschriftart auf Computersystemen; die Bezeichnung Grotesk wirkt daher befremdlich, weswegen die Bezeichnungen Serifenlose oder Sans Serif in der Desktop-Publishing-Branche üblich sind.

Ach ja: falls sie dem Comic Sans-Link nicht gefolgt sind, dann überlegen Sie Sich vor ihrem Einsatz das nächste Mal, was es mit dem »Comic« im Namen auf sich hat, und ob sie wirklich den Eindruck erwecken wollen, sie würden zu einem Kindergeburtstag einladen…

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.